Besuch im Rechenzentrum

Von außen sieht das Rechenzentrum aus wie viele der fensterlosen Fabrikhallen, die an der Ausfallstrasse in einem Vorort der Großstadt zu finden sind. Nur der hohe, mit Stacheldraht bewehrte Zaun und die lückenlose Videoüberwachung verrät, dass hier nicht Maschinenteile hergestellt oder Zeitungen gedruckt werden. Auch nicht zu sehen ist, dass das Gebäude direkt auf dem zentralen Internet-Backbone sitzt.

Um das Gebäude betreten zu können, muss man sich zunächst an einem Security-Checkpoint melden, wo Ausweise und Voranmeldung kontrolliert werden. Weiter kommt man nur noch mit einem Begleitmann des Wachpersonals, der einen keine Sekunde aus den Augen lässt und der einzige ist, der die Schlüssel hat. Nach dem Eintritt in das Gebäude, nur nach nochmaliger Rücksprache mit der Sicherheitszentrale, stehen wir vor einer Personenschleuse. “Hier werden Sie beim Eintreten und beim Herauskommen vereinzelt und gewogen. Dadurch stellen wir sicher, dass Sie nichts aus dem Gebäude mitnehmen können”, erklärt unser Führer. Nach dem Passieren der Schleuse wandern wir durch endlose Flure, begleitet von dem lauten Summen der Klimaanlagen. Rechner produzieren eine Menge Abwärme, die abgeführt werden muss, um zu verhindern, dass die Platinen und Mikrochips schmelzen.

Unser Führer öffnet die Tür zu einem riesigen Saal. Darin befinden sich mit massiven Gittern abgetrennte Zellen, hinter denen die Reihen blinkender Server stehen. Der Lärm ist ohrenbetäubend. “In diesem Saal befinden sich Server verschiedener Betreiber”, wird uns erklärt, “deswegen sind die Maschinen noch mal durch die Gitter vor unbefugtem Zugriff gesichert”. Von oben verfolgt uns die Sicherheitszentrale per Videoüberwachung, als wir unseren Weg entlang der Gitterboxen fortsetzen.

FÜR ALLE FÄLLE GERÜSTET

In einem Nebenraum hängen Gasflaschen von der Decke – die Feuerlöschanlage. “Würden Sie bei einem Feuer mit Wasser löschen, würden Sie die komplette Elektronik zerstören”, erklärt uns unser Führer, “deswegen wird, wenn die Rauchmelder auslösen, der komplette Raum mit einem Edelgas geflutet und dem Feuer so der Sauerstoff entzogen”. Versehentlich sollte man den Feueralarm nicht auslösen – einmal Feuerlöschen mit dem teuren Edelgas entspricht hier dem Gegenwert eines Mittelklassewagens. Aber alleine in dem Saal, den wir gerade verlassen haben, steht Hardware im Wert von mehreren Millionen Euro, auf denen Daten gespeichert sind, deren Wert wahrscheinlich noch sehr viel höher ist.

Einen Stock tiefer befindet sich die eigene Stromversorgung. Die Server im Rechenzentrum müssen auch bei Stromausfall ohne die kleinste Unterbrechung weiterlaufen. Zwei meterhohe grüne Schiffsmotoren kommen im Fall des Falles in knapp 30 Sekunden auf die volle Leistung und übernehmen dann die komplette Stromversorgung des Gebäudes. “Wir haben Diesel für eine Woche und Sondergenehmigungen für die bevorzugte Lieferung im Katastrophenfall”, wird uns erklärt. Um die kurze Anlaufzeit der Dieselmotoren zu überbrücken, befinden sich dazu im nächsten Raum hohe Regale voller Batterien. Wie sehr man auf die Ausfallsicherheit achtet, zeigt sich daran, dass diese Batterien das Gebäude mit allen Servern volle zehn Minuten mit Strom versorgen können – das 20-fache der Anlaufzeit der Dieselmotoren. Damit garantiert dieses Rechenzentrum eine Verfügbarkeit von 99,99999%, was dem Industriestandard entspricht.

PROFESSIONELLE TECHNIK

Und wenn das Rechenzentrum dann doch mal ausfällt, weil beispielsweise ein Flugzeug auf das Gebäude abstürzt? “Man legt ja nicht alle Eier in den selben Korb”, sagt Jochen Brüggemann, bei RED Medical für die Technik verantwortlich. “Wir haben weitere Server in einem zweiten Rechenzentrum in einer anderen Stadt und spiegeln permanent alle Daten zwischen beiden. Fällt ein Rechenzentrum aus, sind wir spätestens in wenigen Minuten wieder auf Sendung. Und zugleich werden durch die Spiegelung auch noch die Daten unserer Benutzer in Echtzeit gesichert”. Um eine solch hohe Verfügbarkeit in einer einzelnen Arztpraxis zu erreichen, müsste man einen unverhältnismäßigen Aufwand betreiben. “Das kann sich eigentlich keine Praxis leisten”, meint Jochen Brüggemann. “Möglich wird das bei uns, weil professionelle Technik zum Einsatz kommt und sich unsere Benutzer die Infrastruktur teilen. Dabei besteht jedoch keine Gefahr, dass Praxen Einblick in fremde Daten bekommen könnten. Die Daten sind technisch separiert und verschlüsselt, so dass jede Praxis nur auf die eigenen Daten zugreifen kann”.

Alexander Wilms

Alexander Wilms betreut seit über 15 Jahren die allgemeinärztliche Praxis seiner Frau in IT-Fragen und ist maßgeblich an der Entwicklung von RED Medical, der ersten webbasierten Arztsoftware, beteiligt.

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